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3D Binauralstereo

3D Binauralstereo

Das Gehör ist ein einzigartiger Signalanalysator mit hoher Auflösung im Zeit-, Pegel- und Frequenzbereich. Abhängig von der Einfallsrichtung wichtet das Gehör Schallsignale nach Zeitdifferenz, Lautstärke und Klangspektrum. Das Gehirn kombiniert diese komplexe Information beider Ohren zu einem umfassenden (binauralen) Höreindruck. Erkenntnisse zur Psychoakustik zeigen uns heute, dass konventionelle akustische Aufzeichnungsmethoden der binauralen Signalverarbeitung unseres Hörsinnes in keiner Weise gerecht werden können. So gehen wesentliche Informationsanteile verloren, die räumliche Anordnung von Schallquellen, wird auf den Rechts-/Links-Horizont reduziert.

Die konventionelle Tontechnik betreibt inzwischen einen immensen Aufwand, um bei Multimedia, Virtual Reality oder im Kino den räumlichen Höreindruck zu erzeugen. Digital Surround 5.1, DTS und SDDS mit inzwischen 7 + 1 Lautsprechern sind gegenwärtig „state of the art“, und die Entwicklung wird noch weitergehen, bis wir irgendwann von einer beliebigen Zahl von selektiv ansteuerbaren Hoch- Mittel- und Tieftönern umgeben sind. Hierzu wird heute schon unter dem Begriff Wellenfeldsynthese intensiv experimentiert und geforscht.

Es werden zunehmend künstliche Ebenen zwischen den Ursprung eines Tonereignisses und dessen Wiedergabe eingezogen. Das Hörergebnis ist entsprechend künstlich. Unsere Hörgewohnheiten folgen dem nur allzu willig – Psychologie und Verhaltenslehre kennen die Gründe hierfür: Selbst im Tierreich kommt die Überzeichnung oft besser an, als das Original. Für die Illusion wird wird dementsprechend sowohl beim Hersteller als auch beim Konsumenten zunehmend technischer und finanzieller Aufwand getrieben.

Der Entwicklungsweg der konventionellen Tontechnik ist vereinfacht gesagt die Optimierung eines technischen Provisoriums aus den Anfängen der Stereofonie. Ein völlig neuer Ansatz wurde bereits 1886 auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt und 1969 von der Firma Sennheiser wieder aufgegriffen und weiterentwickelt: Das Binauralstereo (BAS). Der simple „Trick“ hierbei besteht darin, zwei Hochleistungsmikrofone in einem sogenannten „Kunstkopf“ an der Stelle der Trommelfelle zu plazieren, dort also, wo sich das akustische Signal am einfachsten darstellt. Ohrmuschel und äußerer Gehörgang, sowie das Resonanzverhalten des Kunstkopfes sind dabei dem menschlichen Kopf bestmöglich nachempfunden. In den 70er Jahren wurde besonders von Rundfunkanstalten viel mit BAS im Bereich des Hörspiels und der Musik experimentiert.

Diese wahrnehmungsauthentische, heute hoch ausgereifte Technik wird speziell in Bereichen der Geräuschanalyse im Fahrzeugbau und in der Luftfahrt eingesetzt. Die Raumakustik wird hier authentisch abgebildet und ist in ihrer Dreidimensionalität technisch analysierbar. Messtechnische Anwendungen sind zum Beispiel gehörrichtige, binaurale Messungen von Schallereignissen mit sehr niedrigem Pegel, Sounddesign oder die Qualitätskontrolle.

Das heute höchsten technischen Ansprüchen genügende Tonaufzeichnungsverfahren BAS lässt sich gleichermaßen für die Produktion akustischer Musikaufnahmen nutzen. Prädestiniert hierfür sind Livekonzerte oder Studioaufnahmen mit akustischen (unverstärkten) Instrumenten von solistischer Besetzung über Kammerensembles bis hin zum großen Orchester (→ Hörbeispiele).

Der authentische Raumklang des BAS bietet dem Hörer ein unvergleichliches Hörerlebnis, das mancheinen beim ersten Mal in seiner Originaltreue durchaus „schockieren“ kann. Im Zusammenhang mit Musik wurde aufgrund des dreidimensionalen Eindruckes auch der Begriff Holofonie gegenüber der herkömmlichen Stereofonie geprägt.

Beim BAS spielt die Wiedergabeform eine wesentliche Rolle: Echte Authentizität erreicht man verständlicher Weise nur, wenn das Klangereignis nahe dem Trommelfell reproduziert wird. Hierfür eignen sich am besten offene oder halboffene Kopfhörer. Aber auch bei Wiedergabe über die Lautsprecher einer Stereoanlage kann heute durch Verwendung einer sogenannten Übersprechkompension eine nahezu gleichwertige Klangauthentizität erreicht werden.

Wie vieles ist der authentische Raumklang eine Frage des Geschmacks und vor allem der Hörgewohnheit. Die Kenntnis um die Hintergründe dieser Aufnahmetechnik wird das Hörerlebnis bewusster machen und die Sinne sensibilisieren. Diese Methode der Musikreproduktion findet zunehmend Anhänger. Insbesondere in Kreisen, denen das musikalische Ereignis im Vordergrund steht, gilt das BAS als Geheimtipp.

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