16 The fleece

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Heinrich Andreas Kellner – Songs

The fleece
(Johann Heinrich Voß, 1751-1826)
 
Ein Regensturm mit Schnee und Schloßen
Zog düster über Land und Meer,
Dass traufengleich die Dächer gossen;
Die Küh’ im Felde brüllten sehr.
Frau Käthe, die zwar niemals zanket,
Sprach hastig: Geh doch, lieber Mann,
Geh hin, eh Blässchen uns erkranket,
Und zieh den alten Flausrock an!

Die beste Kuh ist unser Blässchen;
Und höre, wie sie kläglich brüllt!
Sie hat uns schon manch liebes Fässchen
Mit Milch und Butter angefüllt.
Entsetzlich tobt des Sturms Gesause!
Geh hin, mein lieber guter Mann
Und hole Blässchen mir zu Hause,
Und zieh den alten Flausrock an!

Mein Flausrock dient’ in Sturm und Regen
So lang’ er neu und wollig war.
Doch jetzo hält er schwerlich gegen;
Ich trag’ ihn schon an dreißig Jahr.
Frau, lass uns nicht so nährig geizen.
Wer weiß, wie bald man sterben kann!
Bedenk’, für eine Tonne Weizen
Schafft sich ein neuer Flausrock an.

Für so viel Weizen trug zur Feier
Der Herzog Ulrich seinen Rock,
Und murrte doch, er sey zu theuer,
Und schalt den Schneider einen Bock.
Der fromme Herr war Fürst im Lande;
Und du bist ein gemeiner Mann.
Der Hochmut führt in Sünd und Schande!
Drum zieh den alten Flausrock an!

Nicht prunken will ich, liebes Käthchen,
Nur warm durch Sturm und Regen geh’n.
Schon zählen lässt sich jedes Drähtchen,
Ja Fäserchen und Fetzen weh’n.
Sieh Roberts, Wilms und Bartels Kleider;
Wann gehen sie so lumpig, wann?
Doch Werkeltag und Sonntag leider
Zieh’ ich den alten Flausrock an!
 
Der Flausrock, deucht mir, ist noch billig;
Ich hab’ ihn gestern erst geflickt.
Du weißt, wie sorgsam ich und willig
Dich stets gepfleget und geschmückt.
Du findest hier ein warmes Stübchen,
Und eine warme Suppe dann.
So geh denn hin, mein wack’res Bübchen,
Und zieh den alten Flausrock an!

Ein jedes Land hat seine Weise,
Und seine Hüls’ ein jedes Korn,
Die Wirtschaft, Frau, kömmt aus dem Gleise,
Verliert der Mann erst Zaum und Sporn.
In Sturm und Regen übernachte
Das Blässchen, wo es will und kann!
Denn nimmer, ob sie auch verschmachte,
Zieh’ ich den alten Flausrock an!

Mein Herzensmann, seit dreißig Jahren
Hab’ ich in Fried’ und Einigkeit
Mit dir viel Freud’ und Leid erfahren,
Und dich mit manchem Kind erfreut.
Zum Segen zog ich alle sieben
Mit Wachen und Gebet heran.
Nun, Männchen, lass dich immer lieben,
Und zieh den alten Flausrock an!

Frau Käthe, die zwar niemals zanket,
Mag gern des Wortes sich erfreun;
Auch wirs mit Ruhe mir verdanket,
Lass ich nur fünf gerade seyn.
Stillschweigend stand ich auf vom Sitze,
Ein wohlgezogner Ehemann,
Verschob aufs eine Ohr die Mütze
Und zog den alten Flausrock an.
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